Antidepressiva
Antidepressiva werden in verschiedene Untergruppen eingeteilt, haben aber ähnliche pharmakologische Eigenschaften und klinische Wirkungen. Die Gruppennamen der antidepressiv wirkenden Mittel beziehen sich sowohl auf chemische wie pharmakologische Charakteristika: Es gibt tri- und tetrazyklische Substanzen (die Moleküle weisen drei oder vier Ringe im Molekül auf), selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer, abgekürzt SSRI (Selective Serotonin Re-uptake Inhibitors), Dopamin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer, Autorezeptor-Blocker, Monoaminooxidase-Hemmer (MAO-Hemmer), und Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer (SNRI für Serotonin Noradrenalin Re-uptake Inhibitors). Daneben wird Esketamin angewendet, ebenso Präparate mit Lithium zur Vorbeugung von Rückfällen bei manischen Depressionen und pflanzliche Mittel mit dem Extrakt aus Johanniskraut.
Die üblicherweise verordneten Antidepressiva erhöhen im Gehirn die intrasynaptische Konzentration der Nervenbotenstoffe Serotonin, Noradrenalin und eventuell Dopamin. Nach einigen Tagen oder höchstens Wochen verändern sich die Empfindlichkeiten der Rezeptoren an den Nervenzellen im Gehirn und damit die Mechanismen, mit denen Signale von einer Nervenzelle zur anderen übertragen werden. Dann erst setzt der antidepressive Effekt ein. Die Ansprechrate für alle Antidepressiva liegt nur bei ungefähr 50 Prozent der Betroffenen.
Antidepressiva werden üblicherweise bei mittelschweren und schweren Depressionen eingesetzt. Je schwerer die Depression, desto eindeutiger sind Antidepressiva einer Placebobehandlung überlegen. Bei leichten Depressionen sind Antidepressiva nicht zuverlässig wirksamer aks Placebo und es gibt nur selten Gründe, solche Depressionen auch mit Arzneimitteln zu behandeln. Wenn eine Therapie mit Antidepressiva erforderlich erscheint, sollte sie 6 bis 12 Monate über die Remission der Depression fortgeführt werden, um frühe Rückfälle zu verhindern (Erhaltungstherapie). Eine noch längere Medikation ist nur bei Menschen mit einem erhöhten Rezidivrisiko indiziert.
Aus der Art, wie ein Antidepressivum auf die Botenstoffe wirkt, kann nicht geschlossen werden, welches Mittel sich besonders eignet - Antidepressiva wirken nämlich nicht sehr spezifisch. Das konkrete Antidepressivum wird daher zumeist nach seinem Nebenwirkungsprofil ausgesucht, denn hier gibt es die größten Unterschiede. Es kann zum Beispiel individuell unterschiedlich erwünscht sein, dass ein Antidepressivum als Nebenwirkung müde macht - je nachdem, ob der Patient unruhig und schlafgestört oder aber apathisch ist. Pflanzliche Mittel mit Johanniskrautextrakt wirken ähnlich wie SSRI, sie sollten aber nur bei leichten oder mittelschweren Depressionen eingesetzt werden. Antidepressiva werden auch bei Angst- und Zwangsstörungen verschrieben. Bis auf niedrig dosierte Johanniskrautpräparate sind alle Antidepressiva verschreibungspflichtig.
Grundsätzlich sollte bei der Behandlung von Depressionen darauf geachtet werden, dass sich viele Patientinnen und Patienten in einer derart verzweifelten Gemütslage befinden, dass sie im Suizid den einzigen Ausweg aus ihrer Situation sehen. Dies ist bei einer Behandlung mit Antidepressiva deshalb wichtig, weil es einige Tage, manchmal auch Wochen dauern kann, bis die antidepressive Wirkung der Mittel einsetzt. Daher kann es notwendig sein, bei besonders gefährdeten Menschen trotz der Behandlung mit Antidepressiva in den ersten Wochen besonders aufmerksam den Behandlungsverlauf zu beobachten, möglicherweise sogar kurzfristig ein zusätzliches Mittel (z. B. ein benzodiazepinhaltiges Präparat) begleitend zu verabreichen. Eine solche vorübergehende und ergänzende Behandlung sollte vor allem im Zusammenhang mit der Anwendung von SSRI in Betracht gezogen werden.
Neuere Studien weisen übrigens darauf hin, dass die Verträglichkeit von SSRI oder anderen neueren Antidepressiva gegenüber den klassischen trizyklischen Antidepressiva nicht grundsätzlich als besser eingestuft werden muss, z. B. im Hinblick auf Suizide und Herzinfarkte. Antidepressiva werden nie alleine als Suchtstoffe genutzt, sie werden allenfalls zur Verstärkung von Suchtmitteln eingesetzt. Insbesondere bei den neueren Antidepressiva (z. B. bei den SSRI) kann es allerdings nach längerer Einnahmezeit zu Absetzproblemen kommen, daher sollte die Dosierung am Ende einer Behandlung langsam reduziert ("ausgeschlichen") werden. Bis auf niedrig dosierte Johanniskrautextrakt-Präparate sind alle Antidepressiva verschreibungspflichtig.
Viele Meschen mit einer Abhänhigkeitserkrankung nehmen während eines Entzugs zur Behandlung depressiver Symptome Antidepressiva ein. Oft wird diese Einnahme auch nach einer Suchtbehandlung fortgesetzt, oftmals ohne Kontrolle durch eine Ärztin oder einen Arzt. Dem bestimmungsgemäßen und indizierten Gebrauch folgt damit ein Missbrauch, nämlich eine nicht-bestimmungsgemäße Anwendung. Dies bedeutet allerdings nicht, dass solche Antidepressiva ein eigenes Suchtpotenzial haben. Zu beachten ist jedoch, dass Menschen mit Suchtkrankheiten häufig auch solche Arzneimittel missbräuchlich verwenden, die kein eigenes Suchtpotenzial aufweisen.
Grundsätzlich sollte bei der Behandlung von Depressionen darauf geachtet werden, dass sich viele Patientinnen und Patienten in einer derart verzweifelten Gemütslage befinden, dass sie im Suizid den einzigen Ausweg aus ihrer Situation sehen. Dies ist bei einer Behandlung mit Antidepressiva deshalb wichtig, weil es einige Tage, manchmal auch Wochen dauern kann, bis die antidepressive Wirkung der Mittel einsetzt. Daher kann es notwendig sein, bei besonders gefährdeten Menschen trotz der Behandlung mit Antidepressiva in den ersten Wochen besonders aufmerksam den Behandlungsverlauf zu beobachten. Große Metaanalysen zeigen übereinstimmend, dass Antidepressiva trotz ihrer gegen Depressionen gerichteten Wirkung nicht dazu führen, dass hiermit behandelte Studienteilnehmende seltener Suizide oder Suizidversuche unternehmen, als diejenigen, die nur Placebo erhalten.
Antidepressiva werden nie alleine als Suchtstoffe genutzt, sie werden allenfalls zur Verstärkung von Suchtmitteln eingesetzt. Es kann es allerdings nach längerer Einnahmezeit zu Absetzproblemen kommen, daher sollte die Dosierung am Ende einer Behandlung langsam reduziert ("ausgeschlichen") werden.
Beim Absetzen kann es zu einer Vielzahl von körperlichen und psychischen Absetzsymptomen kommen, die wie Schwindel, Übelkeit oder Kopfschmerzen häufig sehr unspezifisch sind, oder sich schwer von den Symptomen einer zurückkehrenden Depression unterscheiden lassen, wie etwa innere Unruhe, Schlafstörungen und Stimmungsschwankungen. Absetzsymptome klingen bei den allermeisten Betroffenen innerhalb weniger Wochen wieder ab. Manchmal sind sie aber so unangenehm, dass die Betroffenen trotz gegenteiliger Absicht wieder mit dem Antidepressivum beginnen. In einem solchen Fall gibt es also eine formale Überschneidung mit dem Suchtkriterium "Unfähigkeit zur Abstinenz", zusätzlich zum Suchtkriterium "Entzugs-(Absetz-)symptomatik". Dennoch fehlen zentrale Suchtkriterien wie starkes Verlangen nach der Einnahme (Craving), eigenmächtige Dosissteigerung oder Einengung der Interessen auf den Substanzkonsum, sodass bei Antidepressiva nicht von einem Suchtpotenzial im engeren Sinne gesprochen werden kann.
Problematischer als die Absetzsymptome ist das Risiko einer sogenannten Rebound-Depression nach dem Absetzen. Dies bedeutet, dass das Risiko, dass die Depression schneller, mit höherer Wahrscheinlichkeit oder stärker und schlechter behandelbar zurück kehrt, durch die vorherige Antidepressivamedikation erhöht ist. In der Regel wird dann wieder mit einem Antidepressivum begonnen, sodass aus einer einmaligen Behandlung eine Dauermedikation zu werden droht. Die Indikation für den Beginn einer Antidepressivagabe ist daher eng zu stellen.
Wie fast alle wirksamen Medikamente können Antidepressiva unerwünschte Arzneimittelwirkungen (Nebenwirkungen) hervorrufen. Wie erwähnt, unterscheiden sich die verschiedenen Antidepressiva diesbezüglich am deutlichsten, was zu der etwas paradoxen klinischen Praxis führt, dass ein konkretes Antidepressivum oftmals nicht nach seinen erwünschten Effekten (hier gibt es wenig Unterschiede), sondern nach seinen unerwünschten Effekten (Nebenwirkungsprofil) ausgewählt wird.
Da Missbrauchsfälle bei Antidepressiva selten sind, liegen hierfür keine verlässlichen Zahlen vor. Es kann aber davon ausgegangen werden, dass Menschen mit einer Drogenabhängigkeit sowohl in Phasen der Rückfälligkeit als auch in drogenabstinenten Phasen Antidepressiva missbräuchlich einnehmen.
Literaturempfehlung
Bschor T (2018) Antidepressiva. Wie man sie richtig anwendet und wer sie nicht nehmen sollte. Südwest Verlag, München
Bschor T, Bonnet U, Pitzer M, Baethge C, Lieb K, Gertz HJ, Müller-Oerlinghausen B (2022) Absetzen von Antidepressiva – Absetzsymptome und Rebound-Effekte. Übersicht und praktische Empfehlungen. Nervenarzt 93:93-101, doi: 10.1007/s00115-021-01243-5
Henssler J, Heinz A, Brandt L, Bschor T (2019) Absetz- und Rebound-Phänomene bei Antidepressiva. Deutsches Ärzteblatt 116:355-361

