Medikamente und Sucht

Frauen und Männer

Frauen und Männer haben durch ihre verschiedenen genetischen und gesellschaftlichen Konstellationen unterschiedliche Risiken für körperliche und psychische Erkrankungen. Dies spiegelt sich auch im Gebrauch und/oder Missbrauch von Arzneimitteln wider.

Von den etwa 1,4 bis 1,5 Millionen Medikamentenabhängigen in Deutschland (andere Experten rechnen mit 1,9 Millionen) sind zwei Drittel Frauen. Als Hintergrund werden vielfältige soziale, psychische und biologische Ursachen angenommen, nicht zuletzt aber die häufigeren Arztbesuche im Vergleich zu Männern und der seltenere Einsatz von Alkohol als „Seelentröster“ bei Frauen.

In der Beratung und Behandlung von Abhängigkeitserkrankungen müssen geschlechtsspezifische Faktoren verstärkt berücksichtigt werden. Frauen empfinden ihren Gesundheitszustand schlechter als Männer und gehen häufiger zum Arzt. Männer und Frauen erhalten ähnlich viele Medikamente verschrieben, Frauen aber etwa doppelt so viele Psychopharmaka wie Männer.

Zwischen Frauen und Männern zeigen sich deutliche Unterschiede hinsichtlich der Art der verordneten Arzneimittel, des problematischen Medikamentenkonsums und der Häufigkeit von Medikamentenabhängigkeit. Als ausschlaggebend werden individuelle und gesellschaftliche Faktoren angesehen.

Geschlechtsspezifische Sozialisation und Aufgabenteilung führen zu unterschiedlichen Gesundheitskonzepten und -verhaltensweisen. Für Frauen ist der Umgang mit Arzneimitteln alltäglich – sie besorgen Medikamente nicht nur für sich, sondern versorgen auch ihre Familie mit Arzneimitteln. Neben medizinischen Leistungen nehmen sie häufiger Vorsorge- und präventive Gesundheitsangebote in Anspruch.

In den westlichen Industrienationen zeigt sich bei den Geschlechtern eine paradoxe Situation: Frauen leben länger als Männer, bewerten aber ihren Gesundheitszustand schlechter als diese. Sie nehmen mehr Arzneimittel ein und begeben sich häufiger in medizinische Behandlung. Frauen erhalten beim Arztbesuch nicht nur zunehmend Arzneimittel im Zusammenhang mit den Fortpflanzungsfunktionen (Menstruation, Schwangerschaft, Wechseljahre), sondern bekommen auch etwa doppelt so häufig Psychopharmaka und Hypnotika/Sedativa verschrieben wie Männer. Neben der geschlechtsspezifischen Verordnungspraxis spielt die höhere Prävalenz psychischer Erkrankungen und Schmerzen bei Frauen eine wichtige Rolle. Männer erhalten dagegen häufiger Urologika, Gicht- und Asthmamittel, Medikamente zur Prophylaxe und Behandlung von Thrombosen und Embolien sowie Blutverdünnungsmittel verordnet.

Für den Konsum suchtrelevanter Arzneimittel sind außerdem familiäre und berufliche Belastungen von großer Bedeutung. Restriktive Arbeitsbedingungen im Sinne von Zeitdruck, hoher Arbeitsbelastung und geringen Handlungsspielräumen stehen ebenso wie starke körperliche und psychische Anforderungen in Zusammenhang mit einem erhöhten Medikamentenkonsum. Derartige Belastungen versuchen sowohl Frauen als auch Männer zum Teil durch den Konsum psychoaktiver Substanzen zu bewältigen. Frauen neigen hier offenbar stärker zum Medikamentenkonsum, während Männer eher auf Alkohol zurückgreifen: Etwa doppelt so viele Frauen wie Männer sind medikamentenabhängig, bei Alkohol ist das Verhältnis umgekehrt.

Seiteninfo

Text: Dr. med. Rüdiger Holzbach, Karen Hartig

Literaturempfehlung

Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (Hrsg.) (2013): Gemeinsam mehr erreichen! Frauen. Medikamente. Selbsthilfe. Ein Handbuch. Überarbeitete und neugestaltete Auflage. Hamm.