Medikamente und Sucht

Beschaffungswege

Die Beschaffungswege für Medikamente sind vielfältig. Für apothekenpflichtige Substanzen gilt, dass sie in quasi beliebiger Menge erworben werden können. Wenn nicht alle in einer Apotheke, so doch über mehrere Apotheken, was in Anbetracht der Apothekendichte und der Option von Internetapotheken keine echte Hürde darstellt. Aber auch bei verschreibungspflichtigen Präparaten gibt es diverse "Quellen".

Allerdings bekommt die Mehrzahl aller Patientinnen und Patienten - rund 80 Prozent - "ihr" Medikament mit Suchtpotenzial von nur einem Arzt verschrieben. Es ist aber zu beobachten, dass Ärztinnen und Ärzte auch bei gesetzlich Krankenversicherten immer öfter die Präparate auf Privatrezept verschreiben. Über die Motive für ein solches Handeln kann nur spekuliert werden. Am wahrscheinlichsten ist es, dass die betreffenden Ärztinnen und Ärzte Nachfragen seitens der Krankenkasse befürchten, da die Kassenrezepte von den Kassen eingesehen werden, Privatrezepte aber in der Apotheke verbleiben oder der Kundin, dem Kunden mitgegeben werden.

Die Beschaffung über einen "Schwarzmarkt" bzw. die Drogenszene ist im Wesentlichen auf polytoxikoman konsumierende Patientinnen und Patienten beschränkt bzw. auf Medikamentenabhängige in der Endphase einer Abhängigkeitsentwicklung. Glaubt man Berichten von Menschen aus der Drogenszene, so gehen die meisten der dort konsumierten Medikamente auf "großzügige" ärztliche Verschreibungen zurück, die dann weiterverkauft werden. Dies sind nicht nur Verschreibungen an Abhängige, sondern beispielsweise an Rentner, die durch den Verkauf ihre Rente aufbessern.

Ein nur wenig erforschtes Gebiet ist die Beschaffung der Medikamente durch Dritte. Hierbei werden Freunde oder Verwandte gebeten, sich entsprechende Präparate verschreiben zu lassen. Auch diese Vorgehensweise wird vor allem von Medikamentenabhängigen genutzt, die bereits tief in typischen Sucht-Verhaltensmustern verfangen sind.

Von zunehmender Bedeutung ist die Beschaffung von Medikamenten via Internet. Damit sind nicht die Internetapotheken gemeint, die nur bei Vorliegen eines Rezeptes versenden, sondern es geht dabei um die illegale Versendung von Medikamenten jeglicher Art aus illegalen Quellen, in der Regel aus Drittländern. Es stellt auch für internetunerfahrene Nutzerinnen und Nutzer kein allzu großes Problem dar, entsprechende Seiten im Internet zu finden und entsprechende Medikamentenbestellungen aufzugeben. Der Versand erfolgt in unauffälliger Form, sodass nur die wenigsten Lieferungen vom Zoll erkannt werden (z. B. durch Verzicht auf Schachteln und Blister).

Leider gibt es auch immer wieder Berichte über Apotheken, die rezeptpflichtige Präparate an abhängige Menschen auch ohne ärztliche Verschreibung verkaufen. Damit entfällt die letzte Hürde oder Kontrollinstanz für die Betroffenen. Apothekerinnen und Apotheker, die so handeln, riskieren ihre Approbation und machen sich strafbar.

Seiteninfo

Text: Prof. Dr. Gerd Glaeske, Dr. med. Rüdiger Holzbach, Daniela Boeschen

Literaturempfehlung

Holzbach, Rüdiger (2009): Jahrelange Einnahme von Benzodiazepinen. Wann ein Entzug notwendig ist und wie er gelingt. In: MMW - Fortschritte der Medizin, 21, 36-39.

Hoffmann, Falk; Scharffetter, Wiebke; Glaeske, Gerd (2009): Verbrauch von Zolpidem und Zopiclon auf Privatrezepten zwischen 1993 und 2007. In: Der Nervenarzt, 80(5), 578-583.

Medikamentenabhängigkeit

Band 5 der Suchtmedizinischen Reihe: Medikamentenabhängigkeit