Medikamente und Sucht

Allgemeine Hinweise zur Gesprächsführung

Die zuvor beschriebenen Methoden (Wichtigkeits- und Zuversichtsskala sowie Vor- und Nachteile) werden im Rahmen der Motivierenden Gesprächsführung eingesetzt.

Dabei handelt es sich um eine gut untersuchte evidenzbasierte Methode zur Erhöhung der Änderungsbereitschaft.

Eine Berücksichtigung der Prinzipien Motivierender Gesprächsführung sowie auch ein Training in dieser Methode sind empfehlenswert. Das gilt sowohl für den Bereich des problematischen Gebrauchs von Medikamenten als auch für weitere gesundheitsriskante Verhaltensweisen wie Rauchen, erhöhter Alkoholkonsum, inadäquate Ernährung und Bewegungsmangel.

Früher galt, dass die betroffenen Personen erst an einem Tiefpunkt angekommen sein müssen, damit der dann vorhandene Leidensdruck eine Erfolg versprechende Behandlung möglich macht. Mittlerweile weiß man, dass Menschen sehr viel früher erreichbar sind, als es in älteren Konzepten von Sucht, Abhängigkeit oder Verhaltensmodifikation vertreten wurde.

Die Basis Motivierender Gesprächsführung bilden vier Grundprinzipien:

Empathie

Empathie ist eine entscheidende Voraussetzung, um Motivation aufbauen zu können. Das Verhalten wird nicht kritisiert und die Person wird mit ihrem Verhalten angenommen. Durch das Hineinversetzen in den Gesprächspartner gelingt es, Ansätze zur Motivationsbildung zu finden und Widerstand als Gegenreaktion zu vermeiden.

Diskrepanz

Das Entwickeln von Diskrepanz zwischen dem zu ändernden Verhalten und den Zielen der betreffenden Person (z. B. Gesundheit, Partnerschaft, Arbeit) ist ein Weg, um Motivation aufzubauen.

Selbstwirksamkeit

Zur Entwicklung der Motivation ist es entscheidend, den Glauben an die eigene Fähigkeit zur Verhaltensänderung (Selbstwirksamkeitserwartung) zu fördern.

Widerstand

Den Widerstand aufzunehmen, bedeutet, mit Gegenreaktionen des Klienten konstruktiv zu arbeiten. Dabei wird Widerstand nicht als eine negative Eigenschaft angesehen, sondern vielmehr als ein Hinweis darauf verstanden, dass die Äußerung oder die Maßnahme des Beraters nicht zur Änderungsbereitschaft des Patienten gepasst hat.

Durch Interventionen wie aktives Zuhören (s. u.) oder Betonung der persönlichen Entscheidungsfreiheit des Patienten kann sinnvoll mit Widerstand umgegangen werden.

Die Interventionen der Motivierenden Gesprächsführung umfassen vier Gesprächstechniken sowie spezifische Strukturen des Gespräches, mit denen Änderungssequenzen hervorgerufen werden:

1. Offene Fragen

Offene Fragen sind geeignet, um die Auseinandersetzung mit dem Problemverhalten zu fördern. Sie lassen sich abgrenzen von geschlossenen Fragen, die nur eine kurze Beantwortung erlauben.

Offene Fragen ermutigen den Gesprächspartner, über sein Problemverhalten und die Motivation zu sprechen.

Beispielfragen dafür sind:

  • "Was geht Ihnen bezüglich Ihres Medikamentenkonsums durch den Kopf?"
  • "Was sind die angenehmen Seiten daran?", "Was gefällt Ihnen daran weniger?"
  • "Warum, glauben Sie, machen sich andere Menschen über Ihr Verhalten Gedanken?"

2. Bestätigung

Bestätigung beinhaltet:

  • Lob ("Es ist eine sehr gute Idee zu versuchen, die Medikamente zu reduzieren"),
  • Anerkennung ("Sie machen im Moment eine schwierige Zeit durch") und
  • Verständnis ("Ich kann gut nachvollziehen, dass die Medikamente für Sie im Moment der einzige Weg sind, um einmal zur Ruhe zu kommen").

3. Aktives Zuhören

Aktives Zuhören beinhaltet, dass der Berater die wesentlichen Inhalte des Klienten wiedergibt. Es ermöglicht, Besorgnis bezüglich des Verhaltens zu entdecken und zu fokussieren. Der Berater gibt dabei die wesentlichen Inhalte der Äußerung des Klienten wieder. Das aktive Zuhören bewirkt weiterhin, dass Gesprächspartner sich verstanden fühlen, und ermöglicht eine Vertiefung der Problematik.

Man unterscheidet bei aktivem Zuhören vier verschiedene Formen der Reflexion:

  • Die Wiederholung weicht wenig von dem Gesagten des Klienten ab.
  • Das Neuphrasieren gibt das Gesprochene in Worten des Beraters wieder.
  • Das Paraphrasieren stellt das Gesprochene in einen anderen Zusammenhang oder beinhaltet Hypothesen darüber, was hinter dem Gesprochenen stehen könnte.
  • Die Reflexion der Gefühle bedeutet, emotionale Aspekte des Gesagten zu verbalisieren.

4. Zusammenfassen

Zusammenfassen ist ein wirkungsvolles Vorgehen, bei dem zuvor genannte Inhalte, die für die Änderungsmotivation bedeutsam sind, wiedergegeben werden.

Zusammenfassungen sollten zwischen einzelnen Gesprächsblöcken vorgenommen werden, dienen der Strukturierung des Gesprächs und sollten zusätzlich zum Ende der jeweiligen Beratung erfolgen.

Sie können auch am Beginn der nächsten Beratung einen geeigneten Einstieg in das Gespräch darstellen.

Seiteninfo

Text: PD Dr. Hans-Jürgen Rumpf; Dr. Gallus Bischof; Prof. Dr. Ulrich John

Literaturempfehlung

Hettema, Jeniffer; Steele, Julie; Miller, William R. (2005): Motivational Interviewing. Annual Review of Clinical Psychology, 1, 91-111.

Knight, K. M. et al. (2006): A systematic review of motivational interviewing in physical health care settings. British Journal of Health Psychology, 11 (2006), Pt 2, 319-332.

Miller, William R.; Rollnick, Stephen (2012). Motivational Interviewing: Helping People Change (Applications of Motivational Interviewing) (2. ed.). New York: Guilford.

Miller, William; Rollnick, Stephen P. (2005): Motivierende Gesprächsführung. Freiburg, Lambertus.

Prochaska, J.O., DiClemente, C.C., Norcross, J.C. (1992): In search of how people change. Applications to addictive behaviors. American Psychologist, 47 (9), 1102-1114.

Smedslund, G. Motivational interviewing for substance abuse. Cochrane Database of Systematic Reviews (5).