Medikamente und Sucht

Ältere Menschen

Der größte Anteil der Arzneimittelabhängigen stammt aus der Altersgruppe der über 40-Jährigen. Darunter befinden sich auffällig viele Frauen. Auch hier müssen gesellschaftliche Bedingungen als Begründung für die Entwicklung einer Arzneimittelabhängigkeit diskutiert werden. Dieser Lebensabschnitt ist für viele Frauen mit dem Verlust familiärer Aufgaben verbunden - die Kinder sind aus dem Haus, sie bleiben alleine zurück und fühlen sich entwertet. Dieses "Empty-nest-Syndrom" führt oftmals zu depressiven Verstimmungen, zu Unzufriedenheit, Ängsten und Schlaflosigkeit. Die bei vielen Frauen beginnende Menopause kann diese Symptome verstärken. Und die bei Frauen im Vergleich zu Männern ausgeprägtere Wahrnehmung von psychischer und körperlicher Befindlichkeit führt häufig zu ärztlichen Konsultationen, die oft genug mit der Verordnung von Schlaf- und Beruhigungsmitteln enden. Diese ersten Verordnungen werden dann fortgesetzt. Schließlich scheint es den Frauen mit den Medikamenten auch besser zu gehen, sie werden ausgeglichener und fühlen sich weniger ängstlich. Allerdings werden diese Therapien dann oftmals auf Dauer fortgesetzt, auch weil die Ärztinnen oder Ärzte die Überzeugung haben, den betroffenen Frauen helfen zu können. Dass diese Dauerverordnungen letztlich in die Arzneimittelabhängigkeit führen, wird vielfach zu spät erkannt. So kann es nicht erstaunen, dass zwei Drittel aller arzneimittelabhängigen Frauen über 65 Jahre alt sind - die "Medikamentensucht" ist daher insbesondere ein Problem von Frauen im höheren Alter, bei denen im Alter zwischen 40 und 50 Jahren vor allem von Allgemeinärzten aus unterschiedlichen Gründen eine Therapie mit hauptsächlich benzodiazepinhaltigen Schlaf- und Beruhigungsmitteln begonnen und nicht rechtzeitig unterbrochen wurde.

In einer Schweizer Studie wurde darauf hingewiesen, dass sich insbesondere bei Frauen dieses Alters die Arbeitslosigkeit bzw. die mangelnde Wertschätzung im Arbeitsumfeld negativ auf ihre Gesundheit auswirkt und ein weiterer Risikofaktor dafür ist, dass Frauen deutlich häufiger als Männer unter einer dauerhaften Therapie mit Benzodiazepinen und der daraus entstehenden Abhängigkeit leiden. In Rechenmodellen konnte gezeigt werden, dass der Anteil von abhängigen Frauen in diesen höheren Altersgruppen auf den Anteil der abhängigen Männer sinken würde, wenn Frauen in gleichem Maße wie Männer in den Arbeitsprozess integriert wären.

Seiteninfo

Text: Prof. Dr. Gerd Glaeske, Dr. med. Rüdiger Holzbach, Daniela Boeschen

Literaturempfehlung

Gmel, G. (1997): Konsum von Schlaf- und Beruhigungsmitteln in der Schweiz: Nebe Frauen mehr Medikamente oder sind mehr Männer erwerbstätig? In: Zeitschrift für Gesundheitswissenschaften, 5(1), 14-31.

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